Aufbruch oder Stillstand?

Lea, du hast im letzten Jahr im April dein Abitur gemacht und im Herbst ein Studium an der Universität in Bielefeld begonnen. War der Prozess so gradlinig, wie es sich hier liest?

Nein. Bereits Ende der 11., Anfang der 12. Klasse begann für meine Mitschüler und mich ein Entscheidungsfindungsprozess. Alle sprachen gefühlt nur noch darüber, wie es nach der Schule weitergehen soll. Eine einjährige Auszeit kam für mich nicht in Frage und ein Ausbildungsberuf hat mich nicht angesprochen, daher habe ich mich für ein Studium entschieden.

Fragt sich nur, welches Studienfach?

Ja, vor allem, weil ich ständig von meiner Mutter und Verwandten gefragt wurde, was ich studieren wolle. Dabei war ich mitten in der Abiturvorbereitung und hatte den Kopf nicht frei, um Überlegungen zur Berufswahl anzustellen. Ich habe dann meiner Mutter gesagt, dass ich auf jeden Fall in Bielefeld studieren möchte und dass ich dort genügend Studiengänge zur Auswahl habe. Dass sie aber bitte aufhören soll, mich immer wieder nach dem Studium zu fragen. Ich würde auf sie zukommen, wenn ich ihre Hilfe brauche.

Und wie ging es weiter?

Ich habe mich dann zur Studienberatung angemeldet und meine Mutter gefragt, ob sie mitkommen möchte, schließlich kennt sie mich am besten. Zwischenzeitlich hatte ich immer wieder darüber nachgedacht, was ich beruflich machen könnte. Weil ich gerne mit Kindern arbeiten würde, dachte ich an ein Studium für das Grundschullehramt. Bei der Studienberatung habe ich dann erfahren, dass dieses Studium auch Mathematik umfasst. Ich wollte aber nicht Mathematik studieren.  Um später die Möglichkeit zu haben, in verschiedenen Arbeitsbereichen mit Kindern zu arbeiten, habe ich mich für ein Studium der Erziehungswissenschaften entschieden.

Und dann ging es los und du wurdest ein „Ersti“ (Anmerkung: Eine Studentin im Erstsemester). Welche Erfahrungen hast du gemacht?

Zunächst musste ich mich wieder an einen geregelten Tagesanlauf gewöhnen, da zwischen dem Ende der Schulzeit und dem Studium Monate lagen. Ich hatte mich darauf gefreut, dass ich nun selbstbestimmt entscheiden kann. Die Uni bemüht sich, die Studenten gut aufzunehmen, indem sie an den Einführungstagen die Uni zeigt und Möglichkeiten schafft, die Mitstudenten kennenzulernen. Trotzdem war alles komplett neu für mich, und ich habe mich in die Situation reingeschubst gefühlt. In der Schule sind Tagesablauf und Fächer vorgegeben, an der Uni habe ich Entscheidungsmöglichkeiten.

Es wird aber auch von mir erwartet, dass ich mein Studium selbstständig plane, z. B. meine Vorlesungen und Seminare zusammenstelle und festlege, welche Studienleistungen ich erbringen will. Allein das Programm, mit dem ich meinen Lehrplan zusammenstellen musste, war schwer verständlich.

Aufbruch in eine neue Phase

Wie bist du mit der Situation umgegangen?

Ich habe mir Hilfe gesucht. Zum Beispiel habe ich Freunde, die bereits studieren, gefragt, ob sie mir mit dem Programm für den Lehrplan helfen können. Für mich ist es einfacher, das Programm kurz erklärt zu bekommen, als selbst herauszufinden, was zu tun ist. Wichtig war mir, dass ich Freunde gefragt habe, die wissen, wie man sich als Ersti fühlt, die meine Situation kennen und Verständnis haben. Das hat mir sehr geholfen. Überhaupt ist es gut, Menschen um Hilfe zu fragen, die schon über mehr Erfahrungen verfügen. Meine Mutter kann ich auch immer um Rat fragen, allerdings kann sie mir im Studium nicht so helfen wie meine Freunde, z. B. wenn es um das Schreiben einer Hausarbeit geht. Aber sie ist für mich da und hilft mir in anderen Bereichen.

Wie geht es dir mit deinem Studium?

Manchmal überkommen mich schon Zweifel, ob dieses Studium das Richtige für mich ist, insbesondere wenn ich mich überfordert fühle oder mich das Studium langweilt. Und Leute, die zu 100% sicher sind, das Richtige zu machen, und vollkommen von ihrer Entscheidung überzeugt sind, verunsichern mich manchmal auch. Ich frage mich dann, ob meine Überzeugung von 95 %, das richtige Studienfach gewählt zu haben, ausreichend ist. Aber am nächsten Tag sieht die Welt schon wieder anders aus.

Welche Erfahrungen hast du gemacht und was hat dir in dieser Zeit des Aufbruchs geholfen?

In der Phase des „Erwachsenwerdens“, in der ich mich befinde, gibt es immer wieder neue Aufbrüche, weil ich einerseits mehr Freiheiten habe, andererseits aber auch mehr Verantwortung für mich übernehme,  z. B. Studium, finanzielle Angelegenheiten, Arzttermine. Es gibt einen schmalen Grat zwischen Euphorie und Überforderung, denn die neue Freiheit geht auch mit neuen Pflichten und Aufgaben einher. Zunächst einmal habe ich gemerkt, dass es wichtig ist, sich für Entscheidungen Zeit zu nehmen. Außerdem tut es gut, andere um Hilfe zu fragen und von ihnen zu lernen, und ganz wichtig ist Kommunikation. Denn nur wenn ich mich mitteile, können andere Menschen auf mich eingehen, mir z. B. helfen oder mich in Ruhe lassen. Es entspannt mich zu wissen, dass ich nicht mit  18 Jahren die Berufsentscheidung für mein ganzes Leben treffen muss und ich mich im Studium oder Beruf anderweitig orientieren kann. Ohne dass es mir selbst aufgefallen ist, werde ich von anderen darauf angesprochen, dass ich mich verändert habe. 

Was ich auch empfunden habe war, dass ich indieser Zeit nicht allein war, Gott war bei der Entscheidung mit dabei. Insbesondere in der Berufsberatung, als mir verschiedene Studiengänge vorgeschlagen wurden, habe ich gemerkt, welches Fach mich anspricht und welches nicht, und bei „Erziehungswissenschaften“ war ich mir sicher, dass das Fach zu mir passt.